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ipCompetence Vol.6

59ipCompetence Vol. 6 59 Aufnahme nur logisch voneinander zu trennen, ist doch das menschliche Auge wie auch der Fotoapparat auf- grund der Optik nur in der Lage, jene Teile eines Objekts abzubilden, die dem Auge (bzw Fotoapparat) zugewandt sind (sofern keine zusätzlichen Elemente wie zB Spiegel verwendet werden). A. Abgebildete Objekte Ein abgebildetes Objekt auf einer Fotografie kann entwe- der ein von Menschen gestalteter Gegenstand (zB Zier- oder Gebrauchsgegenstand) oder etwas Natürliches (zB eine Person, ein Tier oder ein Objekt wie etwa ein Stein) sein. Im zweiten Fall kann der Gegenstand selbst nicht durch das Urheberrecht geschützt werden, sofern er nicht durch menschliches Schaffen selbst zum Kunst- gegenstand gemacht wurde, wie zB ein mit Formaldehyd präpariertes Tier von Damien Hirst oder eine aus dem Stein herausgearbeitete Skulptur von Alfred Hrdlicka.48 Oft genug ist dies nicht der Fall und dann kann die Natur- belassenheit eines menschlichen Gesichts49 auch nicht dadurch geändert werden, dass zB bei einer Person eine bestimmte Bewegung oder ein bestimmter Gesichtsaus- druck durch den Fotografen veranlasst wird. Es liegt kei- ne „eigentümliche geistige Schöpfung“ des Urhebers50 — also nichts von Menschen Geschaffenes — vor.51 Des- halb kann dieses Stück Natur nicht Gegenstand des ur- heberrechtlichen Schutzes sein. Dies gilt mE auch für alltägliche Posen.52 Ein Werkschutz könnte nur dann einsetzen, wenn der Fotograf dadurch selbst ein Werk, zB eine Choreografie, geschaffen hat. 48 Schwieriger ist die Einschätzung bzgl nicht bearbeiteter Steine, die bloß Bestandteil eines Kunstwerks sind. 49 Sieht man von diversen Eingriffen zB durch Friseure, Visagisten, Kosmetiker und Ärzte (mittels kosmetischer Operationen) ab, deren Arbeitsergebnisse durchaus auch Werkcharakter entfalten können. Im Übrigen können sich im Bereich des Gesichts auch noch andere selbstständige Werke befinden, zB originelle Brillen oder Schmuck. 50 Vgl zB Walter, Österreichisches Urheberrecht I (2008) RN 104. 51 Das gilt auch für artistische Posen, zB von Akrobaten („Kontorsio- nist“), die ihren Körper aufgrund von jahrelangem Training extrem biegen können. 52 AA ist Fotograf Konrad Müller, der den damaligen Altkanzler Helmut Kohl in einer (für diesen üblichen) nachdenkenden Pose fotografier- te, und der Zeitschrift Focus, die Helmut Kohl im Heft 4/2011 am Cover in derselben Pose abbildete, mit einer Unterlassungsklage drohte; vgl Serrao, Prominente Pose, Süddeutsche 1. 2. 2011. Wird jedoch ein Objekt abgelichtet, das von Menschen gestaltet wurde, so ist der Fotograf idR nicht der Schöp- fer des künstlichen Gegenstands,53 sondern nur eine Person, die diesen vervielfältigt. Stammt das fotografier- te Werk vom Fotografen selbst, so besteht dafür zwar ein Werkschutz, aber in der Funktion als bloßes Motiv der Fotografie. Besonders deutlich wird dies im Fall der Reproduktions- fotografie, also bei der möglichst originalgetreuen Wie- dergabe von zweidimensionalen Vorlagen, wie beim Ein- scannen von Buchseiten (um diese digital verfügbar zu machen)54 oder beim Ablichten von anderen Fotografien, zB ein Passbild von einem Verbrechensopfer, das von ei- nem Pressefotografen für einen Bericht in einer Zeitung abgelichtet wird.55 Wesentlich ist aber, dass das Motiv iSd abgebilde- ten Objekts entweder eine Schöpfung eines Dritten oder natürlichen Ursprungs ist. Fällt im ersten Fall das Urheberrecht dem Schöpfer zu, so entsteht im anderen Fall keines. Die bloße Auswahl eines Objekts ist eine Idee. Die Idee, ein bestimmtes Lebewesen oder einen bestimmten Gegenstand zu fotografieren, ist nicht hinreichend originell, um eine urheberrecht- liche Schutzwürdigkeit zu begründen.56 Es fehlt an dem für die Fotografie unabdingbaren Element der Perspektive. B. Blickwinkel und -ausschnitt Wird zB ein Werk der Baukunst fotografiert, so ist mittels Fotografie kein einfaches Abbilden57 mehr 53 Dabei macht es keinen Unterschied, ob das Werk gemeinfrei, öffentlich zugänglich und/oder vorbestehend ist; vgl Bullinger/ Garbers-von Boehm, Der Blick ist frei, GRUR 2008, 24 (26). 54 Siehe zB www.europeana.eu oder www.books.google.com (Stand 10. 10. 2011). 55 So zB OGH 8. 9. 2009, 4 Ob 115/09d, Passfotos II, ecolex 2010/95 (Horak) = EvBl 2010/32 = MR 2009, 367 (Walter). 56 Im Übrigen besteht aus rechtspolitischer Sicht ein starkes und be- rechtigtes Freihaltungsbedürfnis der Allgemeinheit. 57 Dennoch stellt die Fotografie eines dreidimensionalen Objekts, zB ei- nes Werkes der Baukunst, eine urheberrechtliche Vervielfältigung und damit grundsätzlich einen Eingriff in das Verwertungsrecht des Urhe- bers dar, der aber in bestimmten Fällen zulässig sein kann (zB durch die sog „Freiheit des Straßenbilds“). Diese möglichen urheberrecht- lichen Verletzungen sind aber für die Schutzfähigkeit von Motiven nicht von Bedeutung und werden daher im Folgenden nicht erörtert.

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